Hallo Uwe, nicht das denkst, wir hätten dich in unserer Rubrik vergessen. Natürlich gehörst auch du zum Amateurfußballinventar. Wo treibst du dich so herum und was machst du?
Hallo Thomas, ich war schon etwas überrascht über Deine Anfrage und gleichzeitig natürlich auch sehr erfreut.
Um Deine Frage zu beantworten, fussballerisch treibe ich seit einigen Jahren gar nichts mehr und es fällt mir auch nicht schwer. Ich wohne nach wie vor seit 20 Jahren mit meiner Familie im beschaulichen Kloster Oesede, was natürlich für einen gebürtigen Hagener nicht so einfach gefallen ist. Normal ist eher, einmal Hagen, immer Hagen. Wir fühlen uns sehr wohl in Kloster und ich habe neben Beruf und Familie die Gartenarbeit für mich entdeckt. Da bei uns reichlich "grün" zu bewirtschaften ist, ist auch der Zeitaufwand entsprechend. Hinzu kommt, dass ich seit geraumer Zeit als Pflegeperson für eine mir sehr nahestehenden Person eingetragen bin, auch hier versuche ich, dem gerecht zu werden, um sie bestmöglich zu unterstützen. Dies nimmt natürlich auch viel Zeit in Anspruch, wird aber jeden Tag mit einem Lächeln und einem herzlichen Danke belohnt. Zusammengefasst, es ist immer was los und es gibt immer was zu tun.
Ich habe dich als Sportler und Trainer mit klaren Ansagen und Prinzipien kennen gelernt und damit bist du ganz gut gefahren. Wie würdest du dich selbst einschätzen jetzt mit etwas Abstand?
Nunja, ob das immer so war....ich würde mal sagen, als aktiver Spieler war ich in jungen Jahren sehr ehrgeizig und wollte die Fußballwelt erobern. Ich glaube, ich konnte verschiedene Dinge tatsächlich gut, habe aber nicht so sehr darauf geachtet, die Dinge zu verbessern, die ich nicht so gut konnte. Ich habe als junger Spieler viel Lob erhalten und dies stieg mir auch zu Kopf . So schön es auch gewesen ist, umso unangenehmer fällt dann teilweise die Eigenreflexion aus wenn man zurück blickt. Irgendwann setzte dann der Verstand ein und ich war in der Lage Verantwortung zu übernehmen und ich hatte den Drang voranzugehen und jedes Fußballspiel gewinnen zu wollen. Ich hatte in meiner kompletten Laufbahn viel Glück immer in Mannschaften gespielt zu haben, in denen ich Mitspieler hatte, die stets um den Aufstieg spielen wollten von Kreisliga bis zur damaligen Niedersachsenliga/Verbandsliga, das hat mich absolut geprägt. Neben Ehrgeiz und Siegeswille waren natürlich auch die 3. Halbzeit und die Zigarette danach für mich wichtige Bestandteile für funktionierenden, erfolgreichen Mannschaftssport.
Als Trainer war ich das komplette Gegenteil, da hast Du Recht, hier herrschte immer Klarheit und Wahrheit innerhalb der Mannschaften, die ich trainiert habe. Ich habe immer versucht, keinen einzigen zu vergessen und hatte immer ein offenen Ohr für jedes Problem eines einzelnen Spielers. Eingefordert habe ich lediglich von jedem Einzelnen den absoluten Siegeswillen am Spieltag und nicht nur von den 11 Jungs in der Startmannschaft. Ich bin der festen Überzeugung, dass Fussballspiele häufig über Motivation gewonnen werden und man kann sich sowohl ans Gewinnen als auch an Verlieren gewöhnen. Für mich zählte immer nur, wie kriege ich es hin, mit der jeweiligen Truppe um den Aufstieg zu spielen, ohne irrsinnige, belanglose Disziplin einzufordern. Es sollten jedem Spaß und Freude bereiten, sich mit seinen Fuballkumpels zu treffen und im Anschluss erschöpft bei einer Flasche Bier ein gutes Wir-Gefühl zu haben. (Ergebnisunabhängig). Dies ist auch die soziale Verantwortung eines Trainers im Amateurbereich, wie ich finde.
Welche tollen Erinnerungen hast du, wenn du an deine aktive Fußballer Karriere und die als Trainer zurück denkst?
Das sind wirklich sehr sehr viele, die mir einfallen. Überwiegend sind es natürlich Mannschaftserfolge, die man errungen hat, sowohl als Spieler , als auch als Trainer.
Ich weiß gar nicht, wie oft wir den Hüggelcup gewonmen haben, das Masters als Spieler und mit Raspo als Trainer, die Aufstiege, usw. Mein persönliches Highlight war seinerzeit die Torjägerkanone beim Hüggelcup zu gewinnen, das hat echt alles gepasst, für einen Mittelfeld/Defensivspieler sicherlich etwas Ungewöhnliche. Ich war als Trainer bei 4 Vereinen in 10 Jahren, damals begann es als Spielertrainer bei der SG Hankenberge/Wellendorf, dort sind wir leider nur Vizemeister geworden, aber für die Tätigkeit als Einstieg bin ich heute noch sehr dankbar, insbesondere den damaligen Fußballverantwortlichen um Helmut Rodefeld oder Dieter Temme und Mike Witte. Es war jederzeit ein herzliches Miteinander, aber ich brauchte Anlaufzeit, keine Frage.
Meine Spielertraineraktivität endete nach 1 Jahr beim SC Lüstringen, wo ich zusammen mit Bekim Hamza als Trainerteam den Aufstieg in die Bezirksliga feiern konnte. Als die Anfrage vom SV Rasensport als "Nur Trainer" kam, war ich voller Elan und Vorfreude auf diese Aufgabe. Bei Raspo, so muss ich es sagen, hatte ich die schönste aber gleichzeitig schwerste Zeit. Ich musste mich beweisen immer unter Beobachtung fachlich lizensierter erfolgreicher Jugendtrainer. Ich hatte 3 Jahre lang eine tolle Mischung aus jung und alt, verschiedenen Nationalitäten, teilweise schwierige Charaktere und zeitweise halt auch aufreibende Nebengeräusche. Ich kann sagen, dass wir dort durch dick und dünn gegangen sind, als Mannschaft, als 1. und 2. Herren und das komplette Funktionsteam um Dietmar Hebel als Co Trainer und Timo Kemkes als Teammanager. Wenn die damalige Truppe dies jetzt liest, werden hoffentlich alle so denken, wie ich es erlebt habe. Das war klasse. Danach zog es mich zum TuS Engter, wiederum für 3 Jahre, wiederum der Aufstieg im 3. Jahr. Auch beim TuS erfuhr ich viel Freundlichkeit und Dankbarkeit und muss hier Christian Stehr als damaligen Fussballobmann hervorheben, er hat alles getan, was zu einem erfolgreichen Abschluss notwendig war.
Ich habe mir den Bericht von Fatmir Dusinovic durchgelesen und konnte mich in vielen Passagen auch wiedererkennen. Die Zeit in Oesede als Spieler war wirklich herausragend, als A-Jugendlicher mit Daniel Thioune, Michael Wirtz, Dirk Westermann, Dirk Thieme, Nando, Dirk Back, Karsten Venzke und vielen anderen zusammenzuspielen, das war überragend. Die Folgezeit, die auch Fatmir beschrieben hat, war total aufregend und sehr erfolgreich. Jeder wusste die Qualitäten des Mitspielers einzuordnen und wir hatten tatsächlich soganannte Unterschiedsspieler im Team. Wir wussten, wir müssen in der Abwehr inkl. Riepe im Tor den Laden dichthalten und irgendwie sehen, dass Fatmir in der zentralen Position den Ball zugespielt bekommt, dann war uns klar, dass etwas passiert, entweder der geniale Pass, eine Einzelaktion oder der lange Menkhaus hält irgendwo seine Stelzen oder Rübe hin und bringt uns auf die Siegerstraße. In der Mannschaft hatte jeder seine Aufgabe und jeder war wichtig, das war emotional schön und auch fussballerisch durchaus ansehnlich bis zum Durchmarsch in die Spitzengruppe der Landesliga damals.
Mein kurzer Schnupperkurs in die Regionalliga Nordost damals war natürlich auch ein persönliches Highlight, plötzlich zahlt ein Drittligist für klein Uwe vom Dorf eine 5 stellige Ablösesummer und der kleine Junge schreibt Autogrammkarten....das war verrückt. Leider war die Zeit nicht so erfolgreich oder als Sprungbrett, wie auch ich es erhofft habe...somit ein Highlight nach dem Motto "Dabeisein ist alles." Täglich 2 mal Training, der Kampf in einer 28 Mann starken Truppe sich für den 16 - Mann Kader am Spieltag zu qualifizieren, jeden Tag taten mir die Knochen weh, als einziger "Wessi" Anschluss zu finden, fiel mir schwer, obwohl ich mich als kommunikativ einordne. Als ich seinerzeit meinen Trainer fragte, warum ich zwar immer im Kader stehe, aber nicht oder unregelmäßig spiele, obwohl ich mich dazu in der Lage fühle, bekam ich die ehrliche und bittere Erklärung:" Du musst verstehen, was ich auch lernen musste, hier ist es manchmal so, dass nicht der Trainer das letzte Wort in der Aufstellung hat". Rumms. Ich wollte nur noch weg dort und verlor die Lust, nochmal irgendwo auf dem Niveau zu starten, obwohl ein Angebot von den Amateuren des Hamburger SV vorlag.. Das war eine Erfahrung, die sicherlich auch viele andere Spieler mal irgendwo erlebt haben.
Herbert Mühlenberg sagte mal zu mir mit sehr ernster Mimik beim Abschlußtraining vor Bekanntgabe der Startelf fürs Wochenende seinerzeit bei Viktoria 08 ; Uwe, eigentlich darf Du nicht spielen aufgrund Deiner miesen Trainingsbeteiligung diese Woche, die Scheiße ist jedoch, ich habe keinen Besseren, da mussten wir beide lachen, ich habe ihm natürlich Recht gegeben. So fuhren wir auswärts zum VFL Oldenburg und bekamen beim Stand von 0-0 in der 88. Minuten einen Elfmeter zugesprochen. Dafür hatten wir 2 etatmäßige Schützen, plötzlich rief Trainer Mühlenberg, UWE, DU SCHIESST!!! Ich musste 2 mal nachfragen, ob er wirklich mich meinte, er bestätigte. Anlauf, Vollspann, geradeaus direkt unter die Latte, unhaltbar. 1-0 gewonnen. Im Anschluß des Spiels fragte ich, Trainer, warum sollte ich schiessen? Herbert Mühlenberg antwortete: Die anderen beiden haben schlecht gespielt, Du warst stark, also hättest Du einen eventuellen Fehlschuss heute am Besten verkraftet. Ich war erstaunt über seine Aussage, die blieb hängen und war lehrreich für die Zukunft, es geht immer ums Team und nicht um den Moment des Einzelnen.
Ich weiß, dass du auch ein sehr emotionaler Typ bist. Wie muss man sich das vorstellen, wenn du z. B. Amateurfußball, Bundesliga, oder demnächst die EM schaust? Brennst du dann so wie einst auf dem Platz und an der Linie?
Thomas, ich bin 47, da brennt maximal der Gasgrill, mehr nicht. Ich mag Bayern ganz gerne, aber dies Jahr erfreue ich mich, wie die meisten Deutschen, dass sich Bayer 04 so eindrucksvolll zur Meisterschaft gespielt hat. Ansonsten bin ich ein sehr kritischer Sofa Nationaltrainer geworden. Dem VFL Osnabrück drücke ich natürlich auch immer die Daumen und finden den neuen Trainer richtig gut und freue mich, dass er bleibt!
Uwe, wie kritisch siehst du unseren Amateursport. In den letzten Wochen und Monaten hört und liest man leider immer wieder unschöne Sachen die passieren, leider auf und neben dem Platz. Ganz ehrlich, mich nervt das unheimlich und die Schiris sind nicht zu beneiden!!
Puh, ich lese zwar die Vorgänge, die passieren, aber ich kann da weder in die eine , noch in die andere Richtung etwas zu sagen. Körperverletzungen oder schwerwiegende Beleidigungen von Spielern auf dem Platz gegen Gegner oder Schiedsrichter sind in den meisten Fällen nicht entschuldbar und solche Krawallmacher sollten weitesgehend von den Vereinen ausgeschlossen werden, zumindest erstmal. Aber ich kenne auch Situationen, die erfreulicherweise im Nachgang durch die Unterstützung von Trainern, Verantwortlichen, Spielern und Schiedsrichtern durch Treffen und Gespräche im positiven endeten. Manchmal ist dies einen Versuch wert, je nach Schwere der Tat.
Wenn jedoch Zuschauer zu Gewalttätern werden und jemanden körperlich schädigen, dann fehlt mir auch jegliche Fantasie für Verständnis. Das ist wirklich sehr schlimm.
Ich habe großen Respekt, insbesondere vor den jungen Schiedsrichtern, dass sie sich manchmal solchen Situationen aussetzen. Natürlich werden mal Fehlentscheidungen getroffen, diese sind jedoch sicher nicht parteiisch oder gar menschenverachtend, es sind Fehler die unabsichtlich passieren, genau wie Eigentore und Fehlpässe.
Warum haben wir dich eigentlich nicht weiter als Trainer an der Linie gesehen, hattest du Beruflich keine Zeit mehr, oder etwa keine Lust mehr?
Du hast Deine Frage eigentlich schon selbst beantwortet, weder Lust, noch Zeit. Vielleicht mal als zweiter Mann oder als Wasserträger ohne Verpflichtung, das könnte ich mir vorstellen. Ich erwarte also in den kommenden Tagen reichlich Anfragen. Am liebsten eine Mannschaft, die auch "Oldschool" mit Libero spielt in dem Wissen, dass Meisterschaften zu 99% mit der besten Abwehr gewonnen werden. Heute nennt man das Dreierkette glaube ich, die dann zum Zug kommt, wenn man zurückliegt, völlig verrückt. Inzwischen gibt es für mich auch zu viele hängende 8er, falsche 9 er und suboptimale 6er, das verstehe ich schlichtweg nicht mehr. Es spielen 11 gegen 11 auf einem Fußballplatz mit Begrenzung. Jedem ist klar, wenn der Ball sich nicht in der eigenen Hälfte befindet, ist die Gefahr des Gegentores sehr gering. Also sorg dafür, dass das Spiel in der gegnerischen Hälfte stattfindet und lösche, wenn es in Deiner Hälfte brennt. Wenn das klappt und Du ein Tor mehr geschossenen hast, als der Gegner, hast Du das Spiel gewonnen. Meist hat der Gegner 1-2 herausragende Spieler, die gilt es aus dem Spiel zu nehmen und zwar mit Manndeckung, Raumdeckung kann nur Mats Hummels. Dies ist der Masterplan für alle jungen, erfolgshungrigen Kreisklassentrainer, die dies nun lesen, das kann echt jeder.
Zum Abschluss, freust du dich auf die EM und was meinst du, wie werden sich unsere Jungs verkaufen? Vielen Dank das du bei uns mitgemacht hast!
Ich glaube an unsere Stärken und ich glaube an die deutschen Fans. Ich erhoffe mir ganz viele schwarz, rot, goldenen Fahnen zu sehen ohne dies ständige Gerede von Nationalstolz. Ich glaube, wir kommen ins Finale bei Bratwurst, Bier und viel Sonnenschein mit ganz viel guter Laune!
Ich möchte mich bei Dir bedanken, lieber Thomas und dem osnaball Team und allen Lesern, denen meine kurze Geschichte gefallen hat.
osnaball bedankt sich bei Uwe für das Interview und wünscht ihm für die Zukunft alles Gute!